PETRA IHM-FAHLE: Hohe Berge

Mit ihrem Sport geht es für die Bergsteiger erst langsam wieder los, denn die Corona-Zeit bremst auch dies. Was das für mich mit der Leiche von George Mallory zu tun hat, erzähle ich hier. 

2008 machte ich mit meiner Familie, meinem Ex-Ehemann und unserem Sohn, Urlaub in Österreich. Es war ein Reinfall, weil es nonstop regnete, besser gesagt, wie aus Eimern goss. Angenehm habe ich nur eines in Erinnerung: Dass ich während des Aufenthaltes mein Interesse für die Bergsteigerei entdeckte, zumindest theoretisch. Insofern erinnern mich Bücher an diese Liebhaberei.

Im Juli 2008 trug sich eine Tragödie auf dem Nanga Parbat zu. Der Südtiroler Extrembergsteiger Karl Unterkircher verunglückte tödlich in einer Gletscherspalte, seine beiden Begleiter mussten allein weiterklettern und wurden nach Tagen durch einen Hubschrauber in Sicherheit gebracht. Während unseres Österreich-Urlaubs hörte ich stündlich die Radio-Nachrichten, weil ich wissen wollte, ob die beiden Bergsteiger gerettet worden waren. In dieser Zeit las ich alles, was mir über Bergabenteuer in die Hände kam. Es ist sehr spannend. Das Leben des Reinhold Messner ist besonders interessant, aber auch sehr tragisch. Er verlor bei einer Bergbesteigung im Himalaya seinen Bruder Günther und soll später immer wieder zurückgekehrt sein, um ihn zu suchen. Seine Gegner beschuldigten ihn, er habe den schwächer werdenden Bruder beim Aufstieg bewusst zurückgelassen, um unbedingt den Gipfel zu bezwingen. Messner wies das immer zurück. Ich las das Buch eines Max von Kienlin, der Messner hasste, weil jener ihm die Frau ausgespannt hatte.

Später wurde der Nachweis erbracht, dass Günther Messner gemeinsam mit seinem älteren Bruder bereits wieder auf dem Abstieg gewesen war und Reinhold ihn aus den Augen verloren hatte. Denn man fand ein Wadenbein an der Abstiegsseite, das sehr wahrscheinlich von Günther stammte. Dies stützte Reinholds Aussagen.

Ich war begeistert, als Jochen Hemmleb im Frühjahr 2010 nach Bad Nauheim kam und in der Stadtbücherei aus seinem Buch "Tatort Mount Everest" las. Darin ging es um eine spektakuläre Exkursion aus dem Jahr 1999, Hemmleb hatte sie initiiert. Vom Schreibtisch aus hatte er durch Forschung und Lektüre-Studium eruiert, wo die Leiche des legendären Himalaya-Pioniers George Mallory liegen könne. Er initiierte die Expedition, bei der der Leichnam nach 75 Jahren im Eis tatsächlich gefunden wurde. Ich lud Herrn Hemmleb nach der Lesung zum Essen ein, gemeinsam mit meinem Sohn und dem Team der Stadtbücherei. Es war ein spannender Abend, Herr Hemmleb erzählte von seinem Buch "Nanga Parbat. Das Drama und die Kontroverse", das im selben Jahr erscheinen würde und die Messner-Tragödie beleuchtete. Irgendwann verlor sich mein Interesse an dem Thema aber wieder. Eventuell war mein Abenteuerdurst bereits dadurch gestillt, dass ich mit einem bekannten Bergsteiger und Buchautor im Restaurant war ... 

 

In den Bergen ist richtig viel los. Es gibt einen gnadenlos durchorganisierten Tourismus, was beispielsweise das Buch "Der Gipfel des Verbrechens: Die Mount Everest-Mafia" darlegt. Ich glaube, diese Lektüre war der tatsächliche Grund, dass ich irgendwann nicht mehr ganz so begeistert war. Denke ich an all das zurück, überkommt mich gleichwohl die Lust, mal wieder in die Natur zu gehen. Der Duft nach frischem Gras, das Gefühl, körperlich etwas zu schaffen, zünftig zu sein, statt am Schreibtisch zu hocken: Das hat was. 

Vor allem in Corona-Zeiten.    

Literatur: 

"Ich kann den Nanga Parbat nicht hassen" (Norbert Thomma, Tagesspiegel)

Nur einer kam zurück - Messner am Nanga Parbat (Holger Kreitling, Welt)

Jochen Hemmleb (Wikipedia) 

Allerhöchste Geometrie, (Annette Jäger, Süddeutsche Zeitung)